Jennifer N. (2)

Sie hatte es versprochen. Keine Geschichten mehr, die nach dem Anfang zu Ende sind. Sie musste sich konzentrieren. Ich bin meine beste Geschichten-Erfinderin! Kann mich selbst begeistern. Alles ist möglich. Das ist der schönste der Träume.

Spiegelbild / eine Fiktive / etwas Stabiles

Ein Spiegelbild kommt ihr entgegen. Jennifer weiß es sofort. Ich werde dieser Fiktiven auf keinen Fall in die Augen sehen.
Ich bin ebenso etwas Stabiles. Eingepflanzt in die Umgebung.
Hole mir Luft, atme nicht durch Kiemen.
In meinem Reisepass steht ein Name,
der Wohnort
und wann diese Daten zu bestätigen sind durch eine amtlich bestätigte Autorität.

Mitte / Trug / Bild

In der Mitte der Straße. Hier gehe ich immer geradeaus. Rechts und links Häuser. Weiter kam ich nicht. Mehr ist bisher nicht entstanden. Ein Stich in die Mitte des Herzens. Tut weh.
Jennifer hatte sich ein Trug-Bild zurechtgelegt.
Ich bin
eine Frau, die mit den Jahren interessanter wird.
Das stimmt nicht.
Ihr Gang durch die Straßen hat gar kein Ziel.
Sie wird nichts
erleben, worüber sie dann sprechen kann.

Wäre da nicht der Rosenstock gewesen. Sie fühlte sich schon echt schräg. Und da fiel ihr wieder die folgende Emotion ein. Lass’ Dich
bloß nicht
von solchen Stimmungen anmachen. Anmachen! In der Tat, das schaffe ich allein.
Zielstrebig
geht sie auf die Tür der Kirche zu. Hier am See. Am Feuersee. Ob das ein Ohmen ist?
Sie fühlt sich / regelrecht / in die Kirche hineingeschoben.
Diese Tür die normalerweise verschlossen ist.
Kirche / verschlossene Tür.

Jennifer lässt das zu. Sie lässt sich anmachen. Sie sagt nichts.
Immerhin sie ist
in einem Pfarrhaus aufgewachsen.
Dieses Haus gehört der anderen Familie. Die der Düfte, der Bilder, der Klänge.
Herr Luther baute auf das Wort. Er trieb Thesen hinein in das Holz. Bekenne Dich! Lebe pur!
Jennifer will garnicht, dass jemand das versteht.
Sie will nur da rein. Vorher die Füße abtreten.
 

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Jennifer N. (1)

Es war das erste Mal seit langer Zeit, dass sie in einen Spiegel sah.
okay.
Jennifer.
passt.

Jennifer fasst die aschblonden Haare mit der linken Hand im Nacken zusammen.
Sie nimmt die Schere von der Fensterbank und schneidet die Strähnen knapp oberhalb der Hand ohne zu zögern ab.
Sie schüttelt den Kopf.
Die zotteligen Fransen ungleicher Länge stehen seitlich ab wie ausgetrocknete Gräser im Hochsommer.
Flüchtig wischt sie mit dem Handrücken über die Augenlider.

Flur / Mantel / Schultern.
Schlüsselbund / Nagel neben Wohnungstür.
Umhängetasche / Fussboden.
Klack. Tür zu.

Im Flur greift sie im Vorübergehen zum Mantel und streift ihn sich über die Schultern. Neben der Wohnungstür hängt ein Schlüsselbund an einem Nagel. Sie bückt sich und nimmt die Umhängetasche vom Fußboden hoch.
Mit einem Klack fällt die Tür zu.

Unten, die Straße.
sie-blickt-sich-um.
nichts passt:
die Wohnung / die Häuser / das Viertel.

Unten auf der Straße. Jennifer blickt um sich. Die Wohnung, die Häuser, das Viertel – nichts passt. Sie geht in der Mitte der Straße. Sie beibt stehen, sieht zurück. Als wäre sie fremd hier. Als hätte sie sich so verändert, dass ihr Umfeld ihr genau das klarmacht.

Ihr Gang hat sich inzwischen auch angepasst. Ihr Bild dazu: ein Scherenschnitt. Beine so lang wie ein hoch aufgeschossener schlanker Seemann. Der Mantel eine Trophäe, die ihr hinterherflattert, direkt im Anschluss an die stacheligen Haarspitzen, die Löcher in die Luft pieksen.
 

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tatsächlich

 
tatsächlich
lässt sich kein einziges Bild malen,
kein
Gedicht
schreiben
ohne
magisch verbunden zu sein
mit der unsichtbaren Energie
die
alle
Fäden
bündelt,
Gewichte verteilt,
die Kugel, verkleidet mit Spiegelglas,
rollen läßt über die Felder
gefühlter Bilder
eben dieser Energie
 

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Tag 179

nachts in fremden Häusern

die Autorin hatte den Eindruck gewonnen,
dass sie sich in einer fremden Stadt befand.
sie sprach nicht darüber,
doch man sah es ihr an,
dass etwas verrückt worden war.
während des Tages lenkte sie sich ab.
dies und jenes schien ihr gerade recht,
dass sie sich genauestens damit auseinandersetzte.
selbst in der Nacht versuchte sie fortzusetzen,
was ihr am Tag doch nicht so gut gelang.
oder sie sparte an für den kommenden Tag.
weil dann erfahrungsgemäß
die verbrauchten Kräfte
erneuert wurden.
wenn man Glück hatte.
jedenfalls,
Herr Soundso war ihr willkommen. doch er wusste das nicht. wie
sollte er.
er wusste nicht, wie er ihre Stimmung herausfinden konnte,
ohne dass er sie sah. oder sprach. oder sonst irgendwas
mit ihr zusammen machte.
nun war das klar.
sie trafen sich. das geschah nahezu absichtslos, zufällig sicher nicht.
sie vermisste ihn. er vermisste sie. sie standen voreinander
und vermissten weiterhin.
es wundert mich schon, begann er nachdenklich,
dass wir trotz allem dieses Gespür füreinander haben.
das ist wahr sagte sie und dachte zugleich darüber nach, was
er mit dem trotz-allem gesehen hatte.
ich meine damit unsere Biografie,
sagte er, ihre Gedanken aufgreifend.
wir haben das gleiche Handicap.
und das ist?
Herr Soundso sah sie erstaunt an.
weißt Du das tatsächlich nicht?
sie schüttelt den Kopf.
wir können nicht in die Erscheinung treten, weil
es uns so garnicht gibt.
wir sind eine Idee. ein vertrauter Gedanke.
in dieser Nacht träumen wir uns wechselseitig.
deshalb sehen wir uns
in diesem Augenblick…
 

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Umkehrung

 

ich will, dass DA etwas steht
das WO ist noch nicht festgelegt

ich habe Brüder
ich kann die Namen der Tage nennen
ich kenne mich mit Sprüngen aus
nachts verliere ich keine Tränen
untertags ordne ich sie
nach Gewicht und dem Gehalt an Salz
wenn der Abend sich nähert
schmiege ich mich
in diejenige Nische
welche als letzte nie zu kurz kommt
 

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Fragmente

 

ich fasse zusammen

das ich ist überflüssig
da hängt sich nur
die erinnerung dran
und die eitelkeit
das eigene bild
vervielfacht zu sehen
das schafft null sicherheit
keine entlohnung
das ich verschmäht
den grund
 

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Tag 178

die Erde ist doch eine Scheibe,
so-und-so dick

Herr Soundso sah seine Stunde kommen.
ein wenig fürchtete er sich.
natürlich wusste er, das hing damit zusammen,
dass er die Modelle nicht loswurde.
es schüttelte ihn.
jeder Gedanke schleppte mindestens ein Bild mit sich
von Untergang,
von der Zerstörung von Lebensraum
für Wesen, die diesen allerdings brauchten.
Herr Soundso trauerte schon.
so geschah es manchmal,
dass Tränen ihm die Sicht wegnahmen. er sah die Zukunft
dieser Amsel, der letzten beiden Raben die um die Schornsteine kreisten, wenn sie sich ihrer Herkunft erinnerten und dann suchten sie die Baumwipfel, die freundlichen Blicke, das ganze Gehabe, das Menschen ihnen entgegenbringen, wenn es schon lange zu spät ist.
Herr Soundso wollte dann nicht länger so heißen,
wollte dazugehören
zu denen,
zu den vielen
in der Überzahl, die aber niemand zählte.
und das alles wegen seiner persönlichen Vision
von seinem Leben,
das wahrscheinlich nicht zu Ende geht,
nicht jetzt,
nicht so;
ihm tat so vieles Leid
und er wollte nie mehr irgend jemandem ein Leid zufügen.
natürlich geschah das nie absichtsvoll.
wahrscheinlich bekam er das meistens auch gar nicht mit.

Herr Soundso vermisst die Autorin.
die fand doch in der Regel schöne Worte für das,
was die meisten ohne solche Erklärungen
gar nicht sahen.
und mit ihnen?
die Autorin hatte zu ihm gesagt:
meine Worte scheinen eher dafür zu sorgen,
dass sich ein Schutzschild um sie legt.
kaum jemand blieb stehen. der Blick rückt weg.
ein Reflex, der nicht einmal ins Bewusstsein gelangt.
sie vermutet ein vergleichbares Phänomen
bei sich;
so hat sie zu tun.
bisher entdeckte sie lediglich,
dass die Erde sich weiter drehte,
auch dass dies schön ist.
 

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eine Seele

 
eine Seele

wirft ihr Tränentuch hinter sich
in den Strom des Vergessens
sie vor allem
sieht
ihre Tränen nicht
sie weiß nichts von der Vergeblichkeit
allen Wissens
sie selbst hat die Botschaft
ausgesandt
ich sehe vor mir ein weites Land
dort bin ich zuhaus
das spüre ich
wenn auch
kein Nachweis gelingen kann
so stehe ich ein dafür
mit meinem Lebens-Gefühl
meine Erfahrung spricht mit mir
was geschieht und erfahren wird
trägt die persönliche Signatur
die unsichtbar bleibt
für den Außenblick
 

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Labor (Tag.Monat.Jahr / Stunde:Minute)

Niemand ist so blöd und lässt Andere in seine Werkstatt sehen. Ich schon. Das ist nämlich keinesfalls blöd. Gedanken teilen nur solange etwas mit wie sie entstehen. Das ist Werkstatt pur. Wenn es gelingt, keinen Schleier des Besonderen, Geheimnisvollen, Klugen, Kreativen… über diesen Vorgang zu legen – was anstrengend ist -, dann kann man vielleicht sehen und erleben, wie Fragmente – Wortbilder, Bildfetzen – auf ihr Innerstes verdichtet, einander anzuziehen beginnen, sich umkreisen und sich unter Umständen urplötzlich zu einem Ganzen zusammentun. Es ist dieser Moment, der die Mühen lohnt, der trotz des intensiven Gebrauchs der Sprache Sprachlosigkeit zurücklässt. Und die Gewissheit, dass es nie anders sein wird.
 

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(der lachende gott)

 
die lachende

ich bin das
da bin ich
werde ich lachen
werde ich
anderen begegnen
auf den
nicht endenden wegen
des gottes
zu sich
 
 
 

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